Anker SoundCore Motion+ im ausführlichen Praxistest

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In den vergangenen Jahren hat sich das chinesische Unternehmen Anker mit seinen günstigen SoundCore Bluetooth-Lautsprechern einen Namen in der Branche gemacht. War der Hersteller nur vor wenigen Jahren noch für seine leistungsstarken Powerbanks bekannt, so erfreuen sich die niedrig-preisigen SoundCore Speaker immer größerer Beliebtheit.

Ich selbst kann den Hype nicht ganz nachvollziehen. In vergangenen Tests konnten mich weder die klanglichen Qualitäten des SoundCore 2 noch des kleineren SoundCore Mini 2 oder auch SoundCore Boost wirklich überzeugen. Zu mager waren die Bässe und das Klangbild unausgewogen. Doch nun startet Anker einen weitere Versuch – diesmal im mittelpreisigen Segement um 100 Euro. Damit bewegt sich der Speaker im direkten Konkurrenzbereich von JBL Flip 5, UE Boom 3 und JBL Charge 4.

Anstatt günstiger Auststattung setzt Anker bei diesem Modell auf angeblichen Hi-Resolution Klang und verbaut zwei Hochtöner, einen Neodym-Subwoofer sowie mehrere Passivradiatoren mit starken 30 Watt Sound. Darüber hinaus sollen 12 Stunden Akkulaufzeit für ganztägigen Musikgenuss sorgen und Spritzwasserschutz nach IPX7-Standard vorhanden sein. Grund genug also, sich den Neuen Speaker einmal genauer anzusehen.

So habe ich mir die Box nach Hause bestellt und einem ausführlichen Test unterzogen.

Ersteindruck/Design

Rein äußerlich ähnelt der Anker SoundCore Motion+ mit dem mattschwarzen Gehäuse den Schwestermodellen SoundCore 2 und SoundCore Boost. Dabei ist er ein ganzes Stück größer wie die bisherigen Soundcore Lautsprecher und drückt mit rund 1Kg Gewicht ganz schön auf die Waage. Mit einer Länge von 25cm passt er zwar nicht mehr in eine standardmäßige Jackentasche, aber er ist gerade noch kompakt genug, um ihn mal schnell in die Sporttasche zu schmeißen. Wer es noch kompakter möchte sollte sich den Bose SoundLink Revolve oder Flip 5 genauer ansehen.

Das Gehäuse wirkt mit seiner Gummi-Metall Optik zwar hochwertig, hinterlässt aber keinen Premium Eindruck wie  Modelle von Bose oder Bang&Olufsen. Für den Preis von ca. 100€ war dies aber auch nicht zu erwarten. Um den Lautsprecher outdoor-tauglich zu machen, stattet ihn Anker mit Wasserschutz nach Standard IPX7 aus, wonach der Speaker für 30 Sekunden bis zu 3 Meter untergetaucht werden kann ohne Schaden zu nehmen. Damit eignet sich der Lautsprecher sowohl für den Einsatz in den heimischen vier Wänden als auch für die kleine Poolparty mit Freunden.

Dank des dicken Standfußes steht der Motion+ auch stabil auf unebenen Flächen wie z.B. Betten, Gras oder Sofas, sodass man sich nicht ständig Sorgen machen muss, dass der Speaker ungewollt zur Seite rollte (wie es etwa beim JBL Charge 4 der Fall ist.) Ein „Anker“ Logo sucht man vergeblich. Es scheint als wolle der China-Hersteller die Marke „SoundCore“ zukünftig als eigenständige Marke für Audiogeräte etablieren. Auch bei der Auswahl am Bluetooth-Menü wird lediglich „SoundCore Motion+“ angezeigt. Farblich gibt es nur eine schwarze Variante.

Klangqualität

Am meisten gespannt war ich auf die klanglichen Qualitäten des  angepriesenen Speakers. Auf diversen Portalen war von „Spitzenklang für’s kleine Geld“ die Rede. So schaltete ich den portablen Speaker ein, verband ihn mit meinem Smartphone und spielte mit der aktivierten „Bass-Boost“ Taste Musik ab.

Der erste Eindruck ist ordentlich, aber nicht spitzenmäßig. Das Klangbild wirkt ausgeglichen, die Bässe sind kräftig und dank der versetzten Hochtöner ist bei frontalem Hörwinkel eine gewisse Klangbühne zu vernehmen – wenn auch keine Stereo-Separierung mithilfe von interner Technik stattfindet.

Die Bässe spielen kräftig daher, was den schweren Passivradiatoren im Innern zu verschulden ist. Kein Vergleich zu den mageren Tieftönen der Vorgänger SoundCore Boost und SoundCore 2. Ohne die aktivierte „Bass“ Taste an der Oberseite sind die Bässe allerdings kaum zu gebrauchen. Es ist mir ein Rätsel, warum Anker diese Taste überhaupt verbaut und dem Kunden diese Option bietet. Hierauf hätte man sicherlich verzichten können.

Doch der Speaker hat auch seine Schwachstellen. Der Klang ist insgesamt sehr mittenlastig und den Höhen fehlt die nötige Portion Klarheit, die für wirklichen Spitzenklang wirklich nötig wäre. Nach etwas Recherche fand ich hierzu eine Lösung: Anker bietet über die frei verfügbare „SoundCore“ App die Möglichkeit, verschiedene Modi wie z.B. „Mehr Bässe“, „Sprache“ oder „Klassisch“ auszuwählen. Da mich allerdings keine der Voreinstellungen so richtig überzeugen konnte, habe ich mich einmal an den individuell konfigurierbaren Equalizer heran gewagt. Mit erstaunlichem Ergebnis: Nach etwas Spielerei finden sich Settings, die den Klang auf ein völlig neues Level heben.

Die Bässe sind nun noch kräftiger, ohne zu Dröhnen. Dabei spielen sie nun erstaunlich tief hinab. Phänomenalen42Hz konnte ich im Test messen. Das hat bisher kaum ein anderer Lautsprecher in dieser Preisklasse geschafft. Klasse! Die laufenden Bass-Lines bei Hip-Hop oder House Musik machen so richtig Spaß. Auch bei wenigen Dezibel Lautstärke ist noch genug Bassfundament vorhanden, um Musik nicht leblos und flüsternd erklingen zu lassen. Das schätze ich als Nutzer sehr, da ich fast täglich leiser Hintergrund lausche. Sei es beim Surfen im Web oder beim relaxen auf den Sofa.

Besonders aber bei mittleren bis hohen Lautstärken hängt der Motion+ seine Konkurrenten in Sachen Bass ab. Hier liefert der Speaker noch derartig starke Bässe, dass es locker zum Beschallen einer kleinen Grillfeier ausreichen würde. Vergleichbare Modelle wie der Sony XB-30 oder JBL Charge 4 können hier nicht mithalten. Der Lautsprecher ist eine wahre Wuchtbrumme. Besonders lobenswert ist die hohe Pegelfestigkeit bei oberen Lautstärke-Leveln. Selbst bei nahezu maximaler Lautstärke ist kein Übersteuern oder merkliches Zurückdrängen der Bässe hörbar.

Die Höhen sind nun deutlich klarer, ohne angestrengt oder blechern zu wirken. Die Mitten schön ausgeglichen und natürlich. Und all das, ohne Klangartefakte oder sonstige Problem zu schaffen. Ob Anker mit soviel Nuzter-Initiative gerechnet hat? Der Speaker kommt mit den neuen Klangeinstellungen sogar an die Qualität deutlich teurerer Modelle ab 200€ heran. Wirklich spitze!

Besonders schön: Nachdem sich einige Nutzer darüber beschwert hatten, dass die Equalizer Settings nicht gespeichert würden und beim erneuten Einschalten des Lautsprechers verloren gingen, hat Anker hier mit einem Update nachgebessert. Auch beim Gebrauch anderer Geräte wie Laptop oder Tablet werden die Einstellungen übernommen. Und das, ohne dass die App hierauf installiert wurde.

Nicht ideal finde ich die gerichtete Klangabstrahlung. Aufgrund der Bauweise tritt Klang frontal nach vorne aus, während Musik von hinterer Hörposition weniger klar wirkt. Trotz der hinteren Gehäuseöffnung ist der Effekt deutlich wahrnehmbar. Möchte man den Lautsprecher einfach auf dem Wohnzimmertisch abstellen, ohne sich über die Klangausrichtung sorgen machen zu müssen, sind beim Motion+ Abstriche zu machen. Die beiden Revolve Modelle von Bose haben hier die Nase vorn. Besonders bei der Grillfeier auf der Terasse, dem Abhängen mit Freuden am See oder beim täglichen Kochen ist echter Rundum-Klang eine wichtiges Feature.

Anker macht es mir nicht gerade leicht, eine finale Bewertung zum Klang abzugeben. Auf der einen Seite ist der Klang ab Werkeinstellung mittelmäßig aber nicht herausragend. Insbesondere ohne Einschalten der „Bass“ Taste ist das Klangbild mittelmäßig. Mit den richtigen EQ-Settings bin ich jedoch vom Klan regelrecht überwältigt. Kaum ein anderer Lautsprecher in dieser Preisklasse um 100€ kann derart überzeugen. Hier sollte Anker die Settings ab Werk bereits richtig einstellen, sodass ich als Kunde nicht erst durch Herumtüfteln eine zufriedenstellende Lösung finde. Nicht jeder Nutzer wird bereit sein, sich die Mühe zu machen, die zugehörige App zu installieren und die Equalizer Settings anzupassen. Wer jedoch dazu bereit ist, erhält Spitzenklang für’s kleine Geld.

Pairing

Das anfängliche Verbinden geht ohne Patzer vonstatten: Lautsprecher einschalten, „SoundCore Motion+“ im Bluetooth-Menü am Smartphone auswählen – und voilà. Schon steht die Verbindung. Mit einem Signalton, der ein wenig an das Intro eines Nachrichten Senders erinnert, wird das erfolgreiche Koppeln bestätigt. Ausschalten lassen sich die Signaltöne leider nicht.

Zukünftig verbindet sich der Speaker dann automatisch mit dem zuletzt verwendeten Zuspieler – vorausgesetzt, der Bluetooth-Modus ist am jeweiligen Endgerät bereits aktiviert. Das ist praktisch und spart Zeit. Der Motion+ kann dabei mehrere Musikzuspieler speichern. Schön wäre noch gewesen, wenn sich der Lautsprecher beim Einschalten mit den letzten zwei oder sogar drei Geräten automatisch verbindet, wie es etwas der Bose SoundLink Revolve tut.

Eine Multipairing Funktion für das gleichzeitige Verbinden mehrerer Musikzuspieler ist ebenso integriert. Im Test ließ diese allerdings zu wünschen übrig. Als ich die Musik auf meinem iPhone pausierte, um sie am Macbook Air fortzusetzen, kam es zum Stottern der Musik, bis wenige Sekunden später gar gar nichts mehr zu hören war. Erst ein kompletter Neustart des Lautsprechers sorgte für Abhilfe. Auch beim Wiederholten Male kam es zu den genannten Problemen.

Wie in den meisten zeitgemäßen Bluetooth-Lautsprechern verbaut auch Anker eine Stereo-Pairing Funktion. Verbindet man zwei SoundCore Motion+ Lautsprecher gleichzeitig mit einem Musikzuspieler, so soll man in den Genuss einer Stereo-Bühne kommen. Eine App wie bei Bose ist dazu nicht erforderlich. Einzige Voraussetzung: Die beiden Lautprecher müssen innerhalb einer Reichweite von 5 Metern in Innenräumen und 15 Metern im Freien platziert werden. Ob die Funktion wie angepriesen funktioniert wir ein zukünftiger Test zeigen.

Bedienung

Die Bedienobefläche hat Anker auf’s Nötigste beschränkt. An der gummierten Gehäuseoberseite sind insgesamt fünf Tasten angebracht: Eine Bluetooth-Taste, Leiser-/Lautertaste, Bass-Taste sowie eine Multifunktionstaste. Das war’s auch schon. Die Positinierung der Ein-/Ausschalttaste an der rechten Seite finde ich unglücklich gewählt: Diese ist in der Praxis nur umständlich zu erreichen und aufgrund des ungünstigen Druckpunkts (für das Ein-/Ausschalten ist ein mehrsekündiges Drücken der Taste erforderlich) nur schwer zu bedienen. Besonders in dunklen Umgebungen sind die Tasten aufgrund der schwarzen Beschriftung nur schwer zu bedienen.

Auch die Anbringung der beiden Anschlüsse direkt unterhalb der Einschalttaste finde nicht besonders vorteilhaft gelöst. Will man die Gummikappe öffnen um an die Anschlüsse zu gelangen, so kommt man leicht versehentlich auf die Einschalttaste.

Schön wäre noch ein Sprachassistent gewesen, der wie z.B. bei den SoundLink Lautsprechern von Bose die Benutzerführung erleichert, indem gekoppelte Geräte, die Akkulaufzeit oder sonstige Einstellungen angesagt werden. Stattdessen muss man sich mit Signaltönen zufrieden geben, die für meinen Geschmack etwas schlichter hätten ausfallen können.

Praktisch ist auch die Titelsteuerung am Lautsprecher: Mit kurzem Drücken der Multifunktionstaste kann Musik pausiert und fortgesetzt werden, mit zweimaligem Drücken springt man zum nächsten Lied. Mit dreimaligem Drücken gelangt man zum vorherigen Titel. Sinnvoll könnte das zum Beispiel dann sein, wenn man beim Kochen schmutzige Hände hat und nicht zum Smartphone in der Hosentasche greifen kann. Auch das schnelle Pausieren von Musik könnte bei der ein oder anderen Alltagssituation von Nutzen sein. Ich persönlich nutze die Funktion eher selten.

Wie schon bei den vorherigen Anker SoundCore Modellen schaltet sich der Speaker nach 30 Minuten automatisch ab. Diese Zeitspanne kann zwar auf bis zu 60 Minuten erhöht werden, deaktiviert werden kann sie aber nicht. Schade. Ein Mikrofon für das Annehmen von Anrufen sucht man vergeblich. Schade, sonst hätte man den Speaker zusätzlich als Freisprecheinrichtung verwenden können.

Akkulaufzeit/Reichweite

Im Lieferumfang ist leider nur ein USB-Ladekabel enthalten, sodass ich den Lautsprecher nicht über eine Wandsteckdose aufladen kann.



  1. Audiophile

    Hi Philipp könntest du vielleicht noch einen Screenshot von deinen Equalizer Einstellungen posten? Ich habe selbst schon rumprobiert, aber denke das kann man noch besser mache. Besten dank


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